Herr Wilson
Donnerstag, 4. September 2014
Anything goes
wilson.3d, Donnerstag, 4. September 2014, 09:59
Man wundert sich ja immer weniger.

Man wird wunderlich, aber das Wundern (an sich) weicht dem zur Kenntnis nehmenden Aha oder Na ja, mitunter Und warum auch nicht?!. Gestaunt wird immer weniger.

Tony Bennett und Lady Gaga werden im September ein gemeinsames Album veröffentlichen.
Aha.

Was früher undenkbar erschien, etabliert(e) sich.

Meine Mutter hat immer gesagt: „Blau und grün: das geht nicht“. Sie legte mir die Sachen zum Anziehen hin. Heute macht das meine Frau.
Blau und grün: das beißt sich. Heute geht das.
„Ich hab jetzt Sachen an, die Du nicht magst und die sind immer grün und blau“, singt Sven Regener – und der muss es ja wissen.

Schokolade mit Chili-Geschmack – früher undenkbar. Heute geht das.
Für Puristen wie mich sind diese geschmacklichen Amokläufe nichts.

Fußballvereine unter der Regie eines Brause-Unternehmens. Früher reichten elf Freunde und ein ehrenamtlicher Platzwart. Na ja.

Die CDU schließt eine Koalition mit der AfD aus. Heute.
Morgen geht das möglicherweise. Und warum auch nicht?!

Früher war nicht alles besser. Heute ist eben vieles anders.
Denken Sie an den Werbe-Slogan „Nichts ist unmöglich“.

Und Tony Bennett und Lady Gaga bestätigen das in dem alten Cole Porter-Klassiker:
Anything goes

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Freitag, 22. August 2014
Nachlass / Trainspotting
wilson.3d, Freitag, 22. August 2014, 09:42
Sich um einen Nachlass kümmern zu müssen, setzt ein trauriges Ereignis voraus.
Sind die ersten und zweiten Tränen getrocknet, widmet man sich dem Behörden- und Bankenkram, den das Bestattungsinstitut nicht erledigen konnte.

Ist dies bewältigt, gilt es, all jene Dinge zu sichten, die sich im Laufe eines Menschenlebens angesammelt haben und dem Verstorbenen Wert schienen aufzubewahren.
Wohl dem, der dabei nicht unter Zeitdruck handeln muss, sondern die Zeit und Muße findet, sich auf die Erinnerungen einzulassen.

Meine Frau und ich standen und stehen nicht unter einem allzu großen Zeitdruck hinsichtlich dieses Nachlasses und so sind bereits einige Monate vergangen, in denen wir Schränke und Kommoden, Ordner, Alben und Sammlungen durchforsteten.
Das ist bisweilen anstrengend und bedarf der Bereitschaft, sich von Dingen zu trennen, von denen man ahnt, welche Bedeutung sie für den Verstorbenen hatten, für die es jedoch keine eigene Verwendung gibt. Fotos, Dias und Super8-Filme spielen dabei in einer anderen Liga als Vasen, Geschirr und Bügeleisen.
Angesichts der vielen vorgefundenen James Last-Platten frage ich mich, wie meine Tochter eines hoffentlich fernen Tages meine Alben von Kraftwerk und den Smiths bewerten wird.
Womöglich hält sie James Last für den Gitarristen von Kraftwerk.

Wir fanden Bücher – einige vor 1900 veröffentlicht, die, wenngleich auch leicht ramponiert, zwei Weltkriege überlebt hatten; Widmungen in altdeutscher Schrift von Pfarrern und Patentanten in Bibeln und Jugendbüchern, die nur teilweise zu entziffern ich in der Lage bin.
Mehr als ein Leben.


Ich widmete mich der Modelleisenbahnsammlung. Nicht dass ich selbst Sammler wäre oder eine besondere Affinität zu Modelleisenbahnen hätte, aber es weckte Erinnerungen an die späten 1960er Jahre, in denen ich als Kind eine bescheidene Modelleisenbahn geschenkt bekommen hatte, die mein Großvater selbst gebaut hatte. Dazu bekam ich zwei Lokomotiven und einige Waggons von Märklin, die ich mit großer Leidenschaft im Kreis fahren ließ und die hin und wieder am Bahnhof Holzhausen Halt machten. Diese Leidenschaft erlosch noch vor der Pubertät.

Und nun saß ich vor einer Modelleisenbahnsammlung, deren vermeintlich schönste Lokomotiven und Waggons liebevoll auf Schienen gesetzt in Vitrinen aufgereiht standen. Der weitaus größere Teil der Sammlung indes befand sich in Schränken: viele Lokomotiven und viele Waggons in vielen Schränken.
In eigenen Erinnerungen schwelgend machte ich das, was ich in meinem beruflichen Werdegang stets verabscheut hatte: eine Inventur. Gab es keine Verpackung, die darauf hinwies, um welches Modell es sich handelte, was erfreulicherweise die Ausnahme war, halfen mir die zahlreichen Seiten im Internet, die sich diesem Hobby widmen.
So füllte (s)ich eine Excel-Liste mit knapp 300 Stücken: akribisch aufgelistet nach Marke, Modell-Nummer, Bezeichnung, Zustandsbeschreibung und Wertermittlung mittels des durchschnittlichen Verkaufserlöses der letzten sechs Monate auf eBay. Bisweilen kann ich ein ziemlich penibler Zeitgenosse sein.

Meine Frau, die meine wachsende Begeisterung für die filigran und mit viel Liebe zum Detail gefertigten Lokomotiven und Waggons zunehmend entgeistert beobachtete, hatte – spätestens als ich die Lupe zur Hand und Aufschriften und Kupplungen unter selbige nahm – die Befürchtung, ihr Gatte könnte an ein neues Hobby gelangt sein, dessen Ausmaße bedrohliche Formen annehmen würde. Ich versicherte ihr, dass die Sammlung nicht Einzug in die heimischen Gefilde halten würde.

So werden wir uns in den nächsten Wochen um den Verkauf der Sammlung kümmern – und ich ahne, dass mir bei einigen Stücken das Herz bluten wird, aber auf eine bestimmte Weise freue ich mich, dass ich mir die Zeit genommen habe.



Bevor der Sensenmann eines Tages an meine Tür klopfen wird, muss ich meiner Tochter diesen alten abgewetzten Koffer auf unserem Dachboden ans Herz legen, in dem die ersten 104 Bände der „Lustigen Taschenbücher“ von Walt Disney recht stiefmütterlich aufbewahrt werden.
Die könnte ich ja schon mal in einer Liste erfassen.
Nicht ohne vorher noch einmal darin ausgiebig zu schmökern.

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