Wilson. Leergut
Dienstag, 15. Mai 2012
Leergut
wilson.3d, Dienstag, 15. Mai 2012, 08:35
Keiner vor mir am Leergutautomaten?
Heute ist Dein Glückstag, Wilson.
Üblicherweise stehe ich in einer langen Schlange hinter diesen Typen, die auf den Bahnhöfen vor Bundesligaspielen die leeren Bierflaschen einsammeln, um so ihre Transferleistungserrungenschaften aufzupeppen.

Verstohlene Blicke nach links, misstrauische Blicke nach rechts – irgendwo musste diese Kamera versteckt sein für diese unerträglichen Sendungen, die Plastik-Schicksen wie Sonya Kraus im Dumm-TV moderieren dürfen, um ihre nächste Schönheits-OP bezahlen zu können.

Ich setzte an, nahm den Cola-Kasten vom Einkaufswagen, als ich den roten Punkt, der sonst grün leuchtet, sah: „Keine Annahme von Kisten möglich – bitte Personal rufen.“
Ich rief so laut ich kann. Unsinn – rechts neben dem Automaten war ein Klingelknopf, den ich betätigte. Ring. Unterdessen legte ich die einzelnen leeren Flaschen auf dieses lustige kleine Förderband, welches Flasche für Flasche – Hui – wie von Zauberhand in eine andere Dimension zu beamen scheint – oder haben Sie es schon mal Klirren und Scheppern gehört? Das klappte, denn bei den Einzelflaschen leuchtete das grüne Lämpchen. So kann Technik.

Während ich eine nach der anderen Flasche durchs Raum-Zeit-Kontinuum schickte, fragte ich mich, ob ich der einzige gewesen war, der mein Klingeln gehört hatte. Der Leergutbeauftragte der Supermarktkette war bislang nicht erschienen, aber ich wusste ja nun, wo das Klingelknöpfchen zu finden war. Ring. Und nochmal zur Sicherheit: Ring. Die Aushilfe an Kasse 2 drehte sich das erste Mal besorgt zu mir um.

Inzwischen hatte ich die letzte meiner 31 Einzelflaschen eingeworfen. Niemand war bislang eingetroffen, um mir meinen Cola-Kasten abzunehmen. Es war mein Blutdruck, der für das diabolische Klingeln sorgte. Lassen Sie mich das kurz erklären: ich bin ein ruhiger und ausgeglichener Mensch – mit einem Restrisiko der Reizbarkeit. Ring Ring Ring.
Die Aushilfskräfte von Kasse 2 und Kasse 3 – die Kassen 1, 4 und 5 waren nicht besetzt – schauten in einer Mischung aus Mitleid und Furcht erst in meine Richtung, dann einander an. Ring. Ich blickte grimmig und zähnefletschend zurück. Ring Ring. Im Hintergrund glaubte ich Musik von Ennio Morricone zu hören. Ring Ring Ring.
Vorbeihuschende Mutter mit Kind im Mutter-Kind-Dialog: „Mama, warum klingelt der Mann immer?“ – „Komm schnell weiter, Leon!“ – „Darf ich auch mal klingeln?“
Eine ältere Dame beobachtete mich mit Argwohn, war aber offensichtlich guten Mutes, dass ich nicht derjenige war, der heute Abend die Regionalnachrichtensendung – Mann nimmt Geiseln in Supermarkt – eröffnen würde.

Der Rubikon Ring war inzwischen längst überschritten Ring Ring und ich sah mich tief unter dem Meer auf der Jagd nach Roter Oktober: Vasili, geben Sie mir ein Ping. Nur ein Ping, Vasili!, als plötzlich und unerwartet Ring Ring Ring Aushilfskraft 3 die Tanzfläche betrat.
„Werden Sie mir meinen Cola-Kasten abnehmen, junge Dame?!“ fragte ich wenngleich auch hyperventilierend, dennoch so charmant wie möglich. Sie antwortete – und ich meine, eine winzige, aber wirklich nur winzige Portion Ironie in ihrer Stimme wahrgenommen zu haben:
„Haben Sie geklingelt?“

Sie erinnern sich möglicherweise an Rex Kramer, den Danger Seeker aus „Kentucky Fried Movie“. Das muss man sich leisten können.

Ich konnte mir jedenfalls ein Schmunzeln ob ihrer Unverschämtheit nicht verkneifen.

Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als sie mir, und sie wirkte plötzlich sehr nervös, gestand, sie könne mir keinen Ersatz-Bon ausdrucken, weil keine Rolle mehr im Drucker sei.

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Samstag, 12. Mai 2012
Oslo
wilson.3d, Samstag, 12. Mai 2012, 12:57
Es war eine spontane Entscheidung: wir beschlossen, nach Oslo zu reisen.
Gesagt, gebucht.

Also fuhren wir am Montag mit dem Automobil von Berlin nach Kiel, enterten dort am frühen Nachmittag am Norwegenkai die Fähre, schipperten 680 Kilometer in 20 Stunden gen Norden, sprangen am Dienstagmorgen in Oslo in den Stadtrundfahrtbus, schauten uns in dreieinhalb Stunden das Vikingsskiphuset, den Vigeland-Park und den Holmenkollen an, fuhren zurück zum Hafen, enterten die selbe Fähre, schipperten – Es wird Sie nicht überraschen – 680 Kilometer in 20 Stunden gen Süden, verließen am Mittwochmorgen die Fähre in Kiel und düsten mit dem Automobil heim nach Berlin.

Und soll ich Ihnen was verraten? Schön war’s.
Das Ganze nennt sich Mini-Kreuzfahrt. Bin ich also ein Mini-Kreuzfahrer.

Hier ist ein kurzes Filmchen. Wenn Sie mögen.

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