Herr Wilson
Freitag, 22. August 2014
Nachlass / Trainspotting
wilson.3d, Freitag, 22. August 2014, 09:42
Sich um einen Nachlass kümmern zu müssen, setzt ein trauriges Ereignis voraus.
Sind die ersten und zweiten Tränen getrocknet, widmet man sich dem Behörden- und Bankenkram, den das Bestattungsinstitut nicht erledigen konnte.

Ist dies bewältigt, gilt es, all jene Dinge zu sichten, die sich im Laufe eines Menschenlebens angesammelt haben und dem Verstorbenen Wert schienen aufzubewahren.
Wohl dem, der dabei nicht unter Zeitdruck handeln muss, sondern die Zeit und Muße findet, sich auf die Erinnerungen einzulassen.

Meine Frau und ich standen und stehen nicht unter einem allzu großen Zeitdruck hinsichtlich dieses Nachlasses und so sind bereits einige Monate vergangen, in denen wir Schränke und Kommoden, Ordner, Alben und Sammlungen durchforsteten.
Das ist bisweilen anstrengend und bedarf der Bereitschaft, sich von Dingen zu trennen, von denen man ahnt, welche Bedeutung sie für den Verstorbenen hatten, für die es jedoch keine eigene Verwendung gibt. Fotos, Dias und Super8-Filme spielen dabei in einer anderen Liga als Vasen, Geschirr und Bügeleisen.
Angesichts der vielen vorgefundenen James Last-Platten frage ich mich, wie meine Tochter eines hoffentlich fernen Tages meine Alben von Kraftwerk und den Smiths bewerten wird.
Womöglich hält sie James Last für den Gitarristen von Kraftwerk.

Wir fanden Bücher – einige vor 1900 veröffentlicht, die, wenngleich auch leicht ramponiert, zwei Weltkriege überlebt hatten; Widmungen in altdeutscher Schrift von Pfarrern und Patentanten in Bibeln und Jugendbüchern, die nur teilweise zu entziffern ich in der Lage bin.
Mehr als ein Leben.


Ich widmete mich der Modelleisenbahnsammlung. Nicht dass ich selbst Sammler wäre oder eine besondere Affinität zu Modelleisenbahnen hätte, aber es weckte Erinnerungen an die späten 1960er Jahre, in denen ich als Kind eine bescheidene Modelleisenbahn geschenkt bekommen hatte, die mein Großvater selbst gebaut hatte. Dazu bekam ich zwei Lokomotiven und einige Waggons von Märklin, die ich mit großer Leidenschaft im Kreis fahren ließ und die hin und wieder am Bahnhof Holzhausen Halt machten. Diese Leidenschaft erlosch noch vor der Pubertät.

Und nun saß ich vor einer Modelleisenbahnsammlung, deren vermeintlich schönste Lokomotiven und Waggons liebevoll auf Schienen gesetzt in Vitrinen aufgereiht standen. Der weitaus größere Teil der Sammlung indes befand sich in Schränken: viele Lokomotiven und viele Waggons in vielen Schränken.
In eigenen Erinnerungen schwelgend machte ich das, was ich in meinem beruflichen Werdegang stets verabscheut hatte: eine Inventur. Gab es keine Verpackung, die darauf hinwies, um welches Modell es sich handelte, was erfreulicherweise die Ausnahme war, halfen mir die zahlreichen Seiten im Internet, die sich diesem Hobby widmen.
So füllte (s)ich eine Excel-Liste mit knapp 300 Stücken: akribisch aufgelistet nach Marke, Modell-Nummer, Bezeichnung, Zustandsbeschreibung und Wertermittlung mittels des durchschnittlichen Verkaufserlöses der letzten sechs Monate auf eBay. Bisweilen kann ich ein ziemlich penibler Zeitgenosse sein.

Meine Frau, die meine wachsende Begeisterung für die filigran und mit viel Liebe zum Detail gefertigten Lokomotiven und Waggons zunehmend entgeistert beobachtete, hatte – spätestens als ich die Lupe zur Hand und Aufschriften und Kupplungen unter selbige nahm – die Befürchtung, ihr Gatte könnte an ein neues Hobby gelangt sein, dessen Ausmaße bedrohliche Formen annehmen würde. Ich versicherte ihr, dass die Sammlung nicht Einzug in die heimischen Gefilde halten würde.

So werden wir uns in den nächsten Wochen um den Verkauf der Sammlung kümmern – und ich ahne, dass mir bei einigen Stücken das Herz bluten wird, aber auf eine bestimmte Weise freue ich mich, dass ich mir die Zeit genommen habe.



Bevor der Sensenmann eines Tages an meine Tür klopfen wird, muss ich meiner Tochter diesen alten abgewetzten Koffer auf unserem Dachboden ans Herz legen, in dem die ersten 104 Bände der „Lustigen Taschenbücher“ von Walt Disney recht stiefmütterlich aufbewahrt werden.
Die könnte ich ja schon mal in einer Liste erfassen.
Nicht ohne vorher noch einmal darin ausgiebig zu schmökern.

Permalink (5 Kommentare)   Kommentieren



Montag, 18. August 2014
On the road again,
wilson.3d, Montag, 18. August 2014, 10:47
just can't wait to get on the road again.
Willie Nelson

Seit ungefähr zwei Jahren fahre ich regelmäßig – nun, zumindest am Wochenende – mit dem Fahrrad.
Zum einen, weil ich etwas Bewegung für einen Ü50er für angebracht halte, zum anderen weil ich festgestellt habe, dass Laufen, Schwimmen, Ballspiele und dergleichen nichts für mich sind und nicht zuletzt, weil es mir Spaß macht.
Es sind nie die richtig weiten Strecken – stets zwischen zwanzig und fünfunddreißig Kilometern, und es gilt auch nicht, persönliche Rekorde einzufahren, sondern der Wunsch nach ein wenig Bewegung bringt mich auf das Rad. Es ist bitter nötig, weil ich tagein tagaus entweder am Schreibtisch, im Auto oder auf dem Sofa sitze; ich habe bereits die Anschaffung von Thrombose-Stützstrümpfen erwogen.

Da ich in einem Außenbezirk Berlins wohne, bin ich nicht gezwungen, im großstädtischen Verkehr ums nackte Überleben zu radeln, sondern kann mich sehr entspannt auf Nebenstraßen und sinnvoll angelegten Radwegen bewegen. Hin und wieder mache ein Päuschen, raste an einem See oder einer Wiese.
Ich bediene mich keiner App, die mir sagt, wie spät es vor fünf Minuten war, wie hoch mein Puls an Kilometer 18 war und die meine Sozialversicherungsnummer durch die gefahrenen Kilometer teilt, sondern schaue auf die Kirchturmuhr und merke anhand meines Schnaufens, ob ich in wenigen Metern drohe zu kollabieren.

Schön sind die Begegnungen mit anderen Menschen, denen ich nichts anderes als einen Guten Tag und guten Weg wünschen muss, um ihnen ein Lächeln abzutrotzen, welches ich sonst nicht erhascht hätte. Sie grüßen zurück und schwenken ihren Hut und gehen und fahren ihrer Wege. Trecker, die heubeladen die gesamte Breite des Feldweges beanspruchen, weiche ich aus, Reitern mache ich Platz und habe festgestellt, dass nicht jeder Hundehalter rücksichtslos, sondern durchaus bereit ist, seine Töle beiseite zu ziehen, um mich passieren zu lassen.

Aber ich wäre nicht ich, würde mir nicht in all dieser Soße aus Harmonie irgendetwas aufstoßen.

Berlin hat – zumindest in dem Bezirk, in dem ich wohne – ausreichend Radwege gebaut; nicht alle sind in perfektem Zustand; einige sind hier und da durch Baumwurzeln und den Zahn der Zeit leicht ramponiert; die meisten dennoch gut befahrbar und von Zeit zu Zeit werden diese trotz knapper Kasse wenn schon nicht instandgesetzt, so doch wenigstens geflickt. Die Lokalpolitik hat sich auf die großkoalitionäre Fahne geschrieben, vorhandene Radwege regelmäßiger zu sanieren und vor allem mehr Radwege zu bauen.
Wenngleich ich dies durchaus begrüße, halte ich es für Verschwendung.
Mehr als die Hälfte derer, denen ich auf meinen Touren im Auto sitzend oder auf dem Rad strampelnd begegne, ignorieren jeden noch so guten Radweg und fahren stattdessen lieber auf der Straße.
Jeder derjenigen, die lieber auf der Straße fahren statt den vorhandenen Radweg zu nutzen, trägt ein buntes Leibchen, als seien sie Eddy Merckx oder Joop Zoetemelk. Es gilt die Regel: je bunter das Trikot, desto weniger Radweg. Sie scheren sich nicht um Verkehrsregeln. Mich ärgert das unabhängig davon, ob ich selbst auf dem Rad oder mit dem Auto unterwegs bin.

Die Spießigkeit meiner Empörung ist mir durchaus bewusst, weil es gravierendere Verstöße gegen Regeln geben mag. Nun sind es aber gerade Radfahrer, die sich als Freiwild im Straßenverkehr sehen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Empörungswelle reiten; oft genug, ohne darüber nachzudenken, welchen Beitrag sie für ein rücksichtsvolles Miteinander leisten können.

Mich wird es auch am nächsten Wochenende wieder auf die Radwege der Stadt und die Feldwege der Umgebung treiben und ich werde mich wieder über die Radweg-Ignoranten ereifern und bedauern, dass ich keine App habe, die meinen Erregungszustand in Zahlen fasst.


Es sind diese bunten Leibchen: so wie bei Menschen, die sich bei Vollmond in einen Werwolf verwandeln, verhält es sich mit diesen bunten Leibchen.

Permalink (21 Kommentare)   Kommentieren



... ältere Einträge

Startseite