Herr Wilson
Montag, 17. November 2014
Am Heimcomputer wart´ ich hier
wilson.3d, Montag, 17. November 2014, 13:13
In der Nacht auf Samstag, so gegen 04.11 Uhr – der Dorfbäcker holte vermutlich gerade die zweite Ladung Schrippen aus dem Ofen – wachte ich mit Krämpfen in den Waden auf. Da hatte ich gerade anderthalb Stunden geschlafen.
Nun kennen Sie mich (oder auch nicht) als konservativ-spießigen Langweiler, der sich die Nächte nicht in Boing-Peng-Bumm-Tschak-Diskotheken oder anderen fragwürdigen Etablissements um die Ohren schlägt: der Grund für die späte Nachtruhe und frühen Krämpfe lag in einem Besuch in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Besser gesagt vor selbiger.

Die Neue Nationalgalerie wird ab 2015 umfassend saniert.
Bevor dies geschieht, wird Kraftwerk im Januar an acht aufeinander folgenden Abenden die Alben „Autobahn“ bis „Tour de France“ genau dort jeweils in einer 3D-Show präsentieren.
Die Tickets, 1.700 pro Abend, für die acht Veranstaltungen sollten am Samstag, ab 9.00 Uhr verkauft werden. Online, maximal vier personalisierte Tickets, nur für eine Show. Das war mir alles zu virtuell und unsicher.
Ich setze auf den limitierten Ticketverkauf vor Ort: 4.000 Karten, wie ich später erfuhr. Das Kartenhäuschen vor der Neuen Nationalgalerie sollte um 0.00 Uhr seine Rollläden hochziehen.

Kurz vor 20.00 Uhr, also vier Stunden vor Verkaufsbeginn, trudelte ich an der Neuen Nationalgalerie ein. Ungefähr einhundertfünfzig bis zweihundert Hanseln standen, ordentlich aufgereiht wie nordkoreanische Bodenturnerinnen, bereits in einer Schlange. Das ließ mich hoffen, drei Karten zu ergattern. Und um es vorweg zu nehmen: es gelang mir.

Der Sponsor hatte ein Wägelchen organisiert und schenkte Glühwein und Currywurst aus.
In der Warteschlange entlang der Nationalgalerie unterhielt man sich angeregt. Ich schmunzelte über die Marotten von Fans, erfuhr einiges über den Veranstaltungsort, Mies van der Rohe und Bacardi und und alles war gut, bis gegen halb zehn aus einem mir nicht ersichtlichen Grund Unruhe über die Menge – es mussten inzwischen 500 Leute gewesen sein – kam. Die Ersten liefen und ich hetzte hinterher: die Reihe hatte sich in der falschen Richtung aufgestellt. So geriet die Ordnung durcheinander und statt wie bisher in Reih und Glied stand die Meute nunmehr, einer Herde Rindviecher gleich, durcheinander in einem Pulk ohne jegliche Bewegungsfreiheit. Mir erschien es fragwürdig, wie man vor einer Ticketbude in der falschen Richtung angestanden haben konnte und ich will Sie damit auch nicht langweilen; nur soviel: mit ein wenig Geschick und Verstand hätte das Ganze deutlich entspannter gelöst werden können und Vielen wäre die Vorfreude nicht verdorben worden.

Punkt 0.00 Uhr ging es los. Die Schlange der Kaufwilligen – diejenigen, die nach der Stampede eintrafen, hatten sich wieder hinten in Reih und Glied angestellt – hatte die Nationalgalerie inzwischen einmal umrundet.
Gegen 2.00 Uhr war ich endlich ganz vorne angelangt. Ein breitschultriger Mann, der gemeinsam mit seinen Kumpanen für die Sicherheit zuständig war, ließ mich zu einem Tisch gehen, an dem einer von mehreren Mitarbeitern der Ticket-Bande stand. Dieser Herr fragte mich, welche Show ich besuchen wolle – Computerwelt, notierte die drei Namen (personalisierte Tickets) und eine Mail-Adresse. Ein weiteres Mal anstellen zum Bezahlen und dann wurde mir eine Kaufbestätigung über drei Karten in die Hand gedrückt.

Müde, durstig und kaputt wie Hund setzte ich mich in mein Auto, ein Wagen des Sponsors, und fuhr nach Hause. Katzenwäsche, Zähneputzen – und ab in die Koje. Kurze Zeit später kamen die Wadenkrämpfe.

Da wir momentan die Handwerker im Haus haben, klingelte der Wecker um halb sieben.
Zwei Stunden nach Beginn des Online-Verkaufs waren alle Tickets verkauft.

Und jetzt warte ich auf die Mail mit den Tickets.

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Donnerstag, 4. September 2014
Anything goes
wilson.3d, Donnerstag, 4. September 2014, 09:59
Man wundert sich ja immer weniger.

Man wird wunderlich, aber das Wundern (an sich) weicht dem zur Kenntnis nehmenden Aha oder Na ja, mitunter Und warum auch nicht?!. Gestaunt wird immer weniger.

Tony Bennett und Lady Gaga werden im September ein gemeinsames Album veröffentlichen.
Aha.

Was früher undenkbar erschien, etabliert(e) sich.

Meine Mutter hat immer gesagt: „Blau und grün: das geht nicht“. Sie legte mir die Sachen zum Anziehen hin. Heute macht das meine Frau.
Blau und grün: das beißt sich. Heute geht das.
„Ich hab jetzt Sachen an, die Du nicht magst und die sind immer grün und blau“, singt Sven Regener – und der muss es ja wissen.

Schokolade mit Chili-Geschmack – früher undenkbar. Heute geht das.
Für Puristen wie mich sind diese geschmacklichen Amokläufe nichts.

Fußballvereine unter der Regie eines Brause-Unternehmens. Früher reichten elf Freunde und ein ehrenamtlicher Platzwart. Na ja.

Die CDU schließt eine Koalition mit der AfD aus. Heute.
Morgen geht das möglicherweise. Und warum auch nicht?!

Früher war nicht alles besser. Heute ist eben vieles anders.
Denken Sie an den Werbe-Slogan „Nichts ist unmöglich“.

Und Tony Bennett und Lady Gaga bestätigen das in dem alten Cole Porter-Klassiker:
Anything goes

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